Pickhardt & Siebert GmbH 1879-2018

Firma P+S Luftbild

Auszüge aus der Rede von Dieter Brockhaus, anläßlich des 100-jährigen Bestehen von PS am 19.6 1979

Die Gründung von P+S im Jahre 1879 fällt mitten in die so genannten Gründerjahre.

Die Bruder Adolf und Rudolf Siebert, tatkräftig unterstützt durch Rudolfs Schwiegervater, Ernst Wilhelm Pickhardt, waren im besten Sinne des Wortes “unternehmenslustig“. Zahlreiche Firmengründungen auf den verschiedensten Gebieten sprechen eine deutliche Sprache vom Unternehmergeist und auch von der Risikobereitschaft unserer Gründer.

Öl und Textil waren neben der 1879 begonnenen Tapetenfabrikation die Hauptbetätigungsgebiete. Ernst  Wilhelm Pickhardt führte 1850 als erster die in England entwickelte Shoddy-Spinnerei ein, in der gebrauchte Wolle zur so genannten Kunstwolle aufbereitet wurde, die zur Wolljacken-Produktion verwendet wurde.

Es ist in der Chronik der Familie Pickhardt überliefert, daß die Spinnerei während des Krieges 1870/71 ihre Produktion vervielfachen mußte und dabei ein Vermögen gewinnen konnte. Mit einem Teil dieses Geldes gründete Ernst Wilhelm Pickhardt am 07.04.1879 gemeinsam mit seinem Sohn Ernst Heinrich Pickhardt, Schwiegersohn Rudolf Siebert und dessen Bruder Adolf Siebert die Tapetenfabrik in den damaligen Räumen der Spinnerei.

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Norddeutsche Zeitung 01.06.1880

Ein kurzer Sprung ins 101, Jahr unserer Firmengeschichte zeigt, daß sich eigentlich alles irgendwo wiederholt, nur, daßaus den Personen jetzt selbständige Firmen geworden sind. Sofern Sie nämlich morgen die vorgeschlagene Kapitalübertragung beschließen, stellt im Jahre 1979 die Firma Pickhardt + Siebert einen Teil des verdienten Geldes der Firma Adolf Siebert zur weiteren Entwicklung und Zukunftssicherung zur Verfügung.

Zurück ins Jahr 1879. Die Bruder Adolf und Rudolf Siebert hatten gemeinsam mit Ernst Pickhardt den unternehmerischen Initialfunken, etwas Neues auf die Beine zu stellen. Wir glauben heute zu wissen, daß sie eine Marktchance erspähten: Sie nutzten ein Patent und übertrugen Maserungen von Hölzern und von Marmor, deren Poren tiefer geätzt wurden, naturgetreu auf Papier. Das Original des Lizenzvertrages mit H. Großheim liegt in unserer kleinen Bildersammlung aus. Technisch auf einem wesentlich niedrigeren Entwicklungsstand als heute machten sie schon damals “Dekorationstapeten“, allerdings im Bogendruck und manuell hergestellt. Das führte letztlich auch zur Gründung der Abziehpapierfabrik Adolf Siebert 1880 (heute AS Creation)

AS REchnung 1907

Der manuellen Fertigung folgte, nicht zuletzt aufgrund des Wettbewerbdruckes, die Entwicklung der maschinellen Tapetenfertigung. 4 Jahre (1883)  nach Gründung der Firma wurden bereits Öldrucktapeten, weitere 7 Jahre später Prägedrucktapeten hergestellt. Das Geschäft ging gut. Zwischen 1896 und 1906 wurde ein weiterer Maschinensaal errichtet und im Zuge der Ausdehnung der Produktion andere Neubauten erstellt.

AS 1901
PS Rechnung 1916

Nach Ende des 1. Weltkrieges in wirtschaftlich schwierigen Zeiten wurden in die Geschäftsleitung von Pickhardt + Siebert die Söhne der Gründer berufen, nämlich Waldemar Siebert, Reinhard Siebert und Martin Siebert.

Es ging damals mit neuen Initiativen rasch aufwärts; eine eigene Farbenfabrik wurde eingerichtet und auch das dringend erforderliche Verwaltungsgebäude konnte gebaut werden. Durch die Kriegsereignisse ( 2. Weltkrieg) wurde der Betrieb unterbrochen, viele männliche Mitarbeiter wurden zum Wehrdienst eingezogen. Erich Siebert sowie Ernst Heinz Pickhardt jr. (gefallen in Litauen 1944) kehrten neben vielen anderen nicht zurück.

1945 wurde der Betrieb mit nach und nach aus der Kriegsgefangenschaft zurück kehrenden Mitarbeitern wieder aufgebaut. Da aber weitgehend Rohstoffe noch fehlten, ließen die englischen Besatzungsbehörden eine allgemeine Produktionsaufnahme nicht zu. Die ersten Tapeten nach den  2. Weltkrieg mußten deshalb wie zu Anfang im Handdruck an uralten Drucktischen und mit hölzernen Druckvorlagen ausgeführt werden.

Die Jahre nach dem 2. Weltkrieg waren von einem wirtschaftlichen Auf und Ab fur P+S gekennzeichnet. Mit der Aufnahme bzw. Einführung des Tiefdruckverfahrens für den Tapetensektor wurde der Grundstein für die heutige Bedeutung und Marktgeltung von PS gelegt. 1963 wurden die ersten Dekorationstapeten im Tiefdruck gedruckt. Noch heute lauft eines der Muster, ein Zyklonia -Bruchstein Muster, mit gutem Erfolg in unseren Kollektionen.

Die Ersetzung des herkömmlichen Leimdruckes durch den hochwertigen Tiefdruck ist insbesondere ein Verdienst von Herrn Daniel, der 15 Jahre lang die Geschicke unseres Unternehmens gelenkt hat. Während dieser Zeit konnte Pickhardt + Siebert unter Ausnutzung günstiger Marktbedingungen seinen Umsatz ständig erhöhen und wesentliche Marktanteile hinzugewinnen.

rainer-vor-ps-gummersbach

Die letzten 10 Jahre brachten in rascher Folge:
Die 1. Kollektion kantenloser ansatzfreier Tapeten unter der Marke “Okay“ Tapeten
Dann Miete, später Ankauf des Betriebsgeländes in Derschlag, wo sich zwischenzeitlich unsere Schwesterfirma Adolf Siebert (heute AS Creation ) zu einer selbständigen Tapetenfabrik entwickelt hat.
Aufbau einer eigenen Gravurabteilung, in der wir in enger Zusammenarbeit mit dem Atelier die Tiefdruckzylinder für unsere neuen Kollektionen herstellen,

Anfang der siebziger Jahre wurde ein wesentlicher Schwerpunkt in die Entwicklung der Vinyl-Tapeten gelegt. Nachdem wir zunächst das PVC-Basis material aus dem Ausland gekauft hatten, entschlossen wir uns, die Herstellung dieses PVC Basismaterials in einer eigenen Abteilung aufzunehmen. Diese Abteilung arbeitet heute ebenfalls in Derschlag als Tochterfirma AS-Chemie.

Die 1970 vorgestellte Novilen Kollektion war die erste Vinyl aus deutscher Produktion.

Um dem Export eine kontinuierliche Entwicklung zu geben, wurden in den wichtigsten europäischen und außereuropäischen Ländern, wie z.B. Belgien, Frankreich Italien, USA eigene Tochterfirmen gegründet, diese Tochterfirmen sind inzwischen in der ebenfalls selbständig arbeitenden Eurostudio-Firma zusammengefaßt, die den Export für die Einen unserer Gruppe übernommen hat.

Durch die Gestaltung von hochwertigen Kollektionen in Verbindung mit gezielten Investitionen für die Modernisierung und Rationalisierung der Produktion konnte P+S trotz des wesentlich härter werdenden Wettbewerbs auf dem Tapetenmarkt die vergangenen Jahre sehr erfolgreich bewältigt und die Grundlage für unsere optimistische Zukunftserwartung legen. Ca. 400 Mitarbeiter haben bei P+S Stammarbeitsplatze, wobei die Beschäftigtenzahl je nach Saisonbetrieb schwanken kann. Der technologische Wandel in der Tapetenindustrie brachte eine ganz erhebliche Verschiebung der Arbeitsplatzkosten. Während vor ca. 10-15 Jahren die Tapetenindustrie absolut arbeitsintensiv arbeitete, ist sie heute sehr kapitalintensiv geworden. Während damals eine Leimdruckmaschine die von 2 Mitarbeitern bedient wurde, ca. 70.000 DM kostete, muß heute für eine moderne neue Tiefdruckanlage, die ebenfalls nur von 2 — 3 Mitarbeitern bedient wird, ca. 1,0 — 1,2 M DM investiert werden.

Nach fast ca. 140 Jahren stellt Pickhardt & Siebert den Betrieb ein . Leider..

Oberberg-Aktuell –  Archivnews – Detail (bv/21.11.2018-14:41)

Gummersbach – 75 Mitarbeiter in Gummersbach und über 100 in der Nähe von Hildesheim verlieren ihren Job – Aus für das Traditionsunternehmen kommt nach 139 Jahren.

[Bilder: Leif Schmittgen — Nach 139 Jahren schließen sich die Tore des traditionsreichen Tapetenherstellers P+S.]

Von Bernd Vorländer

Diese Nachricht ist für das traditionsbewusste Gummersbach überaus traurig. Seit 1879, also mehr als 139 Jahre, wurden in der Stadt Tapeten der Firma Pickhardt + Siebert gefertigt. Doch dieses Kapitel schließt sich Ende des Monats – endgültig. Das Unternehmen ist pleite, der Versuch einer seit dem 14. September laufenden Insolvenz in Eigenregie gescheitert. 75 Mitarbeiter verlieren in der Kreisstadt ihren Arbeitsplatz, bekommen nur noch bis Ende des Monats Insolvenzgeld. Betroffen ist auch das Tochterunternehmen „Wallcover“ im Landkreis Hildesheim. Auch dort schließen sich die Werkstore und 100 Beschäftigte stehen in wenigen Tagen ohne Job da, weitere 20 in einem Logistikzentrum.

Noch im September hatte sich die Geschäftsführung von P+S zuversichtlich geäußert,

Dietmar Everding, letzter Geschäftsführender Gesellschafter der Pickhardt + Siebert GmbH

die Herausforderungen bewältigen zu können. Zum einen galt es, ein Sanierungskonzept aufzustellen, zum anderen möglichst rasch neue Aufträge zu generieren. Beides misslang jedoch in den vergangenen drei Monaten – auch deshalb, weil Branchenkenner von erheblichen Überkapazitäten im Tapetenmarkt ausgehen.

So wird der vom Amtsgericht vorläufig bestellte Sachwalter, Rechtsanwalt Philip Schober von der bundesweit tätigen Kanzlei Brinkmann & Partner, zum 1. Dezember nach der Eröffnung des Insolvenzverfahrens durch das Gericht, voraussichtlich als Insolvenzverwalter tätig. Die massiven Schwierigkeiten der Tapeten- Branche bestätigt auch er. Während vor fast 30 Jahren noch 120 Millionen Tapetenrollen in Europa verkauft worden seien, liege man heute bei einem Minus von 80 Prozent. Schon seit geraumer Zeit hatte die Krise auch P+S im Griff. Seit dem Sommer 2018 suchte man intensiv nach Investoren, doch vergeblich.

Ein großes Teil des P+S-Geländes ist bereits an die Firma Dörrenberg Edelstahl veräußert worden.] 

Ein kleiner Teil der 75 in Gummersbach Beschäftigten dürfte auch noch die nächste Zeit bleiben, um den Verkauf von Warenbeständen sicherzustellen, sich um die Maschinen zu kümmern oder Personaldinge zu bearbeiten. Ein großer Teil der Produktionsstätte wurde bereits an das Edelstahlunternehmen Dörrenberg verkauft und soll weiter gewerblich genutzt werden. „Auch das Hauptgebäude muss verkauft werden. „Die Lage ist gut, aber in die Bausubstanz müsste investiert werden“, so Rechtsanwalt Schober.

Gummersbachs Bürgermeister Frank Helmenstein sah einen betrüblichen Tag für die Kreisstadt. „Das ist zutiefst bedauerlich, wenn ein großer Gummersbacher Unternehmensname nicht mehr existiert. Am wichtigsten ist, dass den Menschen, die jetzt arbeitslos werden, rasch geholfen wird.“ Der Rathauschef mutmaßte, dass der Wegfall des russischen Marktes für P+S dramatisch gewesen sei und erinnerte in diesem Zusammenhang an die „großartige Unternehmenspersönlichkeit“ Martin Siebert, der sich als Bürgermeister einen Namen gemacht habe und zum Ehrenbürger ernannt worden sei.

Wallcover ist am Ende – 100 Mitarbeiter verlieren Jobs

Bei Wallcover in Emmerke werden bald keine Waren mehr angenommen. Das Unternehmen ist insolvent. / Foto: Chris Gossmann

Veröffentlicht von Tarek Abu Ajamieh am 20. November 2018.

Emmerke – Einer der größten Arbeitgeber im nördlichen Landkreis Hildesheim steht vor dem Aus. Die Emmerker Tapetenfabrik Wallcover ist insolvent, 100 Beschäftigte am Standort verlieren in Kürze ihre Arbeitsplätze. Auslöser ist die Pleite der Muttergesellschaft Pickhardt + Siebert mit Sitz im nordrhein-westfälischen Gummersbach. Die hatte am 14. September beim Amtsgericht Köln einen Insolvenzantrag gestellt – für sich selbst ebenso wie für die hundertprozentige Tochterfirma Wallcover. Zunächst gab sich die Geschäftsführung sehr optimistisch, doch alle Sanierungsversuche sind gescheitert.

„Ich gehe davon aus, dass am 1. Dezember das Insolvenzverfahren eröffnet wird“, sagte der vorläufige Sachverwalter Philip Schober am Dienstag im Gespräch mit der HAZ. Der Rechtsanwalt von der bundesweit tätigen Kanzlei Brinkmann & Partner dürfte dann zum Insolvenzverwalter mit allen Befugnissen bestellt werden. Eine der ersten Amtshandlungen sind dann Kündigungen für die rund 100 Mitarbeiter in Emmerke und weitere 20 im Logistikzentrum Lehrte. Auch die Zentrale in Gummersbach ist betroffen, das Unternehmen Pickhardt + Siebert wird nach 139 Jahren liquidiert. In Emmerke produziert Wallcover seit 1983 Tapeten, zuvor hatte an gleiche Stelle die frühere Tapetenfabrik Peine ihre Anlagen.

Rettungsversuche gescheitert

Für die Beschäftigten gelten je nach Betriebszugehörigkeit Kündigungsfristen von bis zu drei Monaten. Ein Großteil wird nach dem aktuellen Stand sofort freigestellt. Ein kleineres Team soll noch bleiben und sich unter anderem weiter um den Maschinenpark in den Werkhallen auf dem Betriebsgelände an der Gutenbergstraße in Emmerke kümmern. Im Lehrter Logistikzentrum läuft der Betrieb noch etwas weiter.

Dabei hatte das Unternehmen eine Insolvenz in Eigenverwaltung angemeldet. Ein Verfahren also, bei dem der Firma zwar ein externer vorläufiger Sachwalter zur Seite gestellt wird, in dem sie aber maßgebliche Entscheidungen weiter selbst treffen kann. Insolvenzgerichte segnen dieses Vorgehen dann ab, wenn sie davon ausgehen, dass die betroffene Firma sich sozusagen am eigenen Schopf wieder aus dem Sumpf ziehen kann. Im Fall von Pickhardt + Siebert sowie Wallcover scheiterte der Versuch aber.

Tapeten verlieren Bedeutung

In Schieflage befand sich die Unternehmensgruppe schon länger. Im Sommer hatte die Geschäftsführung intensiv nach Investoren gesucht – und als sich keine neuen Geldgeber fanden, den Insolvenzantrag gestellt. Im vorläufigen Insolvenzverfahren, so die Hoffnung, wäre es leichter, neue Investoren zu finden. Doch auch daraus wurde nichts. „Es ist sicher ein Problem der ganzen Branche“, sagt Schober. Seien im Jahr 1990 europaweit noch 120 Millionen Tapetenrollen pro Jahr verkauft, aktuell sind es nur noch 24 Millionen. Immer mehr Menschen setzen auf Putz oder andere Möglichkeiten der Wandgestaltung.

Ende dieses Monats läuft nun das Insolvenzgeld aus, dass die Beschäftigten in den vergangenen drei Monaten anstelle des Gehalts bekommen haben. Weiterer Faktor: Die meisten Großkunden von Pickhardt + Siebert wollten bis Mitte November Klarheit haben, ob und wie es bei dem Unternehmen weitergeht. Doch diese Klarheit konnte die Firma mangels Investoren nicht bieten, die Abnehmer suchen sich nun andere Herstellern.

Dietmar Everding, Geschäftsführer von Pickhardt + Siebert, hat sich indes bereits per Brief von den Wallcover-Mitarbeitern in Emmerke verabschiedet: „Ich bedaure zutiefst, dass es mir nicht gelungen ist, den Fortbestand des Unternehmens zu sichern“, schrieb er. Und: Er wisse, dass die Firma für viele „Heimat und Familie“ geworden sei.

Von denen sie sich nun verabschieden müssen.

HRB 38551: Pickhardt + Siebert GmbH, Gummersbach, Kaiserstr. 90 – 104, 51643 Gummersbach. Durch Beschluss des Amtsgerichts Köln (74 IN 196/18) vom 01.12.2018 ist über das Vermögen der Gesellschaft das Insolvenzverfahren eröffnet. Die Gesellschaft ist aufgelöst. Von Amts wegen eingetragen.